New York life live: Oy Vey? Oh Wunder?

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Wer eine Reiste tut kann was erzählen – und wer auswandert ist erstmal lange sprachlos. New York, USA – die grosse Liebe, ein neuer Job, aufregend,  kann man da nein sagen? Frau kann nicht. Der sozial anerkannte Karrierejob wird gekündigt, die begehrte, günstige loft-ähnliche Wohnung in Schwabing auch, Mama und Freundin Sylvie helfen packen und schleppen, eine Nachtfahrt später geht es ab ins Flugzeug. Zwei Koffer, ein Hollandrand und jede Menge Hoffnung: Es ist 2001, die Zeit der Internet Gründungen – jeden wird reich, ein Jahr Aufbauarbeit, 10 Millionen (damals noch) D-Mark! Internationale Märkte, neue eigene Agentur, auf geht’s! Und ich mitten drin. Leider war ich dann auch bei  9/11 und zwei Wirtschaftskrisen voll dabei – womit sich der amerikanische Tellerwäschertraum und die schnell verdienten Millionen sich überraschenderweise nicht manifestierte. Die neue Agentur lief, gearbeitet wurde viel, auch viel Spass, mit tollen Kunden … kochen mit Sterneköchen, Social Media mit Schoki, viel unterwegs, für den Job, manchmal mit dem Mann, der wie man hier so schön sagt ein “born and raised” New Yorker ist, Musiker, Weinfamilien-Angehöriger und auch sonst war immer viel los. Dazwischen das neue Zuhause, das sich nur schwer erobern lässt. New York ist alles was man daraus macht – und manchmal macht es es einem einfach nur schwer. An Tagen an denen man zwei Kakerlaken erschlägt, in der U-Bahn stecken bleibt, der Elektriker zum dritten Mal ohne Grund nicht erscheint fragt man sich: “Was mache ich hier bloss?” New York ist stadtgewordenes Manic Pixie Dream Girl*, unberechenbar, unerreichbar und unverlassbar. Einmal hier gelebt, verblasst danach alles in seiner wohl-geordneten Geborgenheit. Nach fast 15 Jahren ist New York Heimat, aber nicht Zuhause; alles ist möglich, aber nix geht; aber es geht gut. 

Entgegen meinen eigenen inneren Zweifeln zum Trotz ob ich New York jeweils begreifen werde scheint der Rest der Welt die nicht in New York lebt, unter dem Eindruck zu stehen, das ich mich hier total auskenne.  Nachdem ich seit 14 Jahren Emails beantworte mit der Betreffzeile “Komme nach New York … und will essen,  einkaufen,  künsteln, hip sein oder so“ beantworte, sagten Andrea und Claudia zu mir: „Warum schreibst Du eigentlich keinen Blog?“ Das habe ich erstmal empört abgelehnt – schliesslich ist man Schreiber und kein Blogger! Doch das den Amis so eigene und von mir so geliebte ‘Why not” – dem Leben Chancen geben, ohne vorher schon alles schlecht zu machen –  gewann dann doch die Oberhand, and here we go! I hope you enjoy the show.


Vorsicht: Amerikaner sehen aus wie wir Deutschen, kleiden sich wie wir Deutschen, hören die gleiche Musik und so – sie tricksen einen mit angeborener Freundlichkeit aus und man glaubt zu wissen was los ist; es erscheint alles so einfach, später stellt sich raus: Es ist alles ganz anders. Man beschwert sich hier nicht, auch nicht wenn man recht hat, sondern lächelt freundlich und kommt halt einfach nicht wieder, niemals sagt man auf das omnipräsente “How are you” “So Lala” und generell hat man als Deutscher kulturell indiziertes BRF (Bitchy Resting Face) sowie volkskulturell bedingtes OCD (Obsessive-compulsive Disorder deutsches Sauberkeits- und Ordnungsdurschnittsbedürfnis ist für Amerikaner  weit ausserhalb des Normbereichs und unbedingt zu medikamentieren.) Trotzdem werden alle Amerikaner denen man begegnen freundlich sein, und vor allem wenn es New Yorker sind, die Besuchern mit legendärer Hilfsbereitschaft zur Seite stehen. Man wird nur nie einer von ihnen, und weiss für die ersten paar Jahre auch meist nur so ungefähr was los ist. Zum Glück fällt einem das erst in Nachhinein auf – wenn man ansatzweise erkennt was los ist. Das Fremdschämen der zur Tatzeit anwesenden Amerikaner bekommt dann auf einmal einen Sinn. Daher mein aus unzähligen peinlichen Erlebnissen* hart erarbeiteter Ratschlag: Wenn etwas komisch erscheint, Amerikaner um einen herum kurz innehalten und verstummen, nicht einfach weitermachen, sofort in Lachen ausbrechen und “Just Kidding” ausrufen. Löst fast jedes Problem. Versprochen.


Mit * gekennzeichnete Worte lohnen sich auf den darunter liegenden Link zu klicken, der entweder den Begriff erklärt, oder zu den Erlebnissen in New York führt, die vielleicht keine Tips sind, aber dafür hoffentlich unterhaltsam und folkloristisch.

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